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Geht nicht, gibt´s doch: Die Mär vom Multitasking

Kennen Sie auch so einen Menschen: telefoniert, während er Auto fährt, isst, während er Zeitung liest, unterhält sich, während er auf dem Smartphone tippt – und hier steht die „er“-Form stellvertretend für die Allgemeinheit. Genauso hätte ich auch „sie“ schreiben können.

Multitasking: Ständig machen wir´s – angeblich. Ständig machen wir mehrere Dinge zeitgleich. Das ist gar kein Problem, behaupten wir. Wir können das und wir sind sogar besser als der Durchschnitt. Dies behaupteten jedenfalls sieben von zehn Studenten im Rahmen eines Versuchs zum Thema Multitasking.

In diesem Versuch ist bestätigt worden: Mehrere Dinge gleichzeitig auszuführen, führt zu keinen guten Ergebnis. Selbsteinschätzung und reale Leistungsfähigkeit driften sogar deutlich auseinander. Personen, die von sich behaupteten, sehr oft verschiedene Dinge gleichzeitig zu machen und dabei gute Leistung zu erbringen, schnitten im Versuch extrem schlecht ab. Die zu bewältigenden Aufgaben klingen simpel: Die Testteilnehmer mussten sich unterschiedliche Buchstaben merken, welche Ihnen im Wechsel mit einfachen Rechenaufgaben gezeigt wurden. Zum Beispiel:

Ist 5+3=8?, T, Ist 4-1=2?, c, Ist 2×5=10?, s… etc.

Um eine derartige Aufgabe bewältigen zu können, müssen im Gedächtnis unterschiedliche Informationen schnell und zeitnah nacheinander bereit gehalten werden. Gleichzeitigkeit ist nachweislich unmöglich, Prozesse laufen immer nacheinander ab. Je schneller diese Prozesse ablaufen, desto größer muss die Fähigkeit zur Konzentration sein. Diese spielt die entscheidende Rolle.

Nach dieser Aufgabe mussten die Versuchsteilnehmer einschätzen, wie gut sie im Bewältigen der Aufgabe waren. Darüber hinaus interessierte die Wissenschaftler, wie oft die Testpersonen im Alltag Dinge gleichzeitig machten. Schließlich ermittelten die Forscher bei den Teilnehmern Persönlichkeitsmerkmale wie das Bedürfnis nach ständiger Abwechslung und Impulsivität.

310 Studenten nahmen am Versuch teil, die Ergebnisse wurden im amerikanischen Fachmagazin „Plos one“ veröffentlicht. Das Ergebnis:

Wer im Versuch schlecht abschnitt, gab zugleich an, dass er sehr oft verschiedene Dinge gleichzeitig erledigt. Die eifrigsten „Multitasker“ waren äußerst schlecht in der Leistung. Augenscheinlich fiel es diesen Personen sehr schwer, Ablenkungen auszublenden und sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Die Persönlichkeitsstruktur rundet das Ergebnis ab: Insbesondere die impulsiven Testteilnehmer mit ausgeprägtem Bedürfnis nach ständiger Abwechslung lieferten sehr schlechte Ergebnisse. Die deutlich verzerrte Selbsteinschätzung, was die Multitasking-Fähigkeit angeht, kann mit der Persönlichkeitsstruktur in Zusammenhang gebracht werden.

Ergo: Multitasking – vergessen Sie´s! Wer fordert diese Fähigkeit von Ihnen? Ist ein ein hektischer Vorgesetzter, der es einfach nicht besser weiß? Oder ist es vielmehr der eigene innere Antrieb, die rastlose und überhöhte innere Erwartungshaltung an die eigene Leistungsfähigkeit? Wenn wir ehrlich sind, dann spielen diese inneren Prozesse oftmals eine viel größere Rolle als der äußere Leistungsdruck. Und für diese inneren Prozesse ist ausschließlich einer bzw. eine verantwortlich: Sie selbst. Einen achtsameren Umgang mit sich selbst kann man lernen, zum Beispiel in einem meiner Achtsamkeitsworkshops.

Quelle: „Who multi-tasks and why? Multi-tasking ability, perceived multi-tasking ability, impulsivity and sensation seeking.“ David M. Sanbonmatsu, David L. Strayer, University of Utah